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Cyanotypie

Was ist Cyanotypie?

Bei der Cyan­otyp­ie han­delt es sich um ein rel­a­tiv altes fotografis­ches Ver­fahren. Es wurde 1842 von Sir John W. Her­schel ent­deckt (die Farbe “Berlin­er Blau” — es existieren im deutschen Sprachraum min­destens weit­ere 60 Namen für dieses Pig­ment — war bere­its seit ca. 1704 bekan­nt). Her­schel fiel auf, dass gewisse Eisen­salze pho­to­sen­si­tiv reagieren und zudem wasserun­lös­lich sind.

Ein Träger­ma­te­r­i­al (z.B. Papi­er) wird dabei mit ein­er Lösung von grünem Eise­nam­mo­ni­umz­i­trat und rotem Blut­lau­gen­salz (Kali­um­fer­ri­cyanid) beschichtet (“sen­si­bil­isiert”) und danach mit UV-Licht (z.B. an der Sonne) belichtet. Mit der Belich­tung ver­fär­ben sich die behan­del­ten Stellen von ihrem ursprünglich gel­blichen zu einem grün­lichen Farbton. Durch Spülen mit Wass­er wird ein­er­seits durch das Auswaschen der übrigge­bliebe­nen Reak­tion­ssub­stanz der Belich­tung­sprozess gestoppt, ander­seits erhält die getränk­te Schicht durch Oxi­da­tion ihre typ­isch blaue Fär­bung (Fix­ierung). Mit dem Trock­nen an der Sonne (direk­te Sonnene­in­strahlung) wird dieses Blau noch etwas kräftiger, je nach­dem, wie lange gewässert wor­den ist.

Chemisch-for­mal: Bei der Cyan­otyp­ie kommt es zu ein­er so genan­nten Redox-Reak­tion (Elek­tro­nen-Aus­tausch-Reak­tion:

Reduktion und Oxida­tion), die durch die UV-Strahlung ini­ti­iert wird:

Das Eisen(III)-Ion oxi­diert das Cit­rat-Anion:

CH2COO–              CH2COO-

|                       |

HO—C—COO–   —–>   O===C           +  CO2 + H+ + 2e-

|                       |

CH2COO–              CH2COO-

 

Eisen(III) wird zu Eisen(II) reduziert:

Fe3+ + e- —–> Fe2+

 

Das Eisen(II)-Ion reagiert mit dem Kali­um­fer­ri­cyanid, es entste­ht die blaue Farbe:

2K3[FeIII(CN)6] + 3Fe2+ —–> FeII[FeIIIFeII(CN)6]2 + 6K+

(Berlin­er Blau)

 

Cyan­otyp­ie ist auch das Ver­fahren, mit dem die grossen Kon­struk­tion­spläne für Schiffe, Gebäude etc. ange­fer­tigt wur­den (Blau­pausen). Es ist bil­lig und rel­a­tiv ein­fach anzuwen­den. Beliebt war es anfangs auch bei Biolo­gen, zum Anfer­ti­gen von Doku­men­ta­tio­nen. Mit­tels Cyan­otyp­ie lassen sich schnell präzise Abbil­dun­gen von Pflanzen (Pho­togramme) her­stellen.

In der Fotografie set­zte sich dieses Ver­fahren (obwohl sehr preiswert und archivbeständig) nie recht durch. Blau erscheint ein­er­seits vie­len Men­schen als unnatür­lich. Ein blaues Gesicht erin­nert an Erfrierungser­schei­n­un­gen, ein blaues Lächeln scheint starr und kalt. Ander­seits sind sehr grosse Neg­a­tive für Kon­tak­tabzüge für die Her­stel­lung von Abzü­gen nötig, da eine Belich­tung via ver­grössernde Linse und kün­stlich­er Lichtquelle nur beschränkt möglich ist. Auch beim erneuten Aufkom­men der alter­na­tiv­en pho­tographis­chen Prozesse in der let­zten Zeit hat das Ver­fahren der Cyan­otyp­ie keinen recht­en Durch­bruch geschafft: weil es zu ein­fach und zu bil­lig in der Hand­habung ist, als dass es als edel beze­ich­net wer­den kön­nte. Jedoch kön­nen Cyan­otyp­i­en auch mit ver­schiede­nen Sub­stanzen getönt wer­den, wodurch dieses Ver­fahren sehr viel­seit­ig (und auch schwieriger in der Hand­habung) wird. Hier­bei wer­den häu­fig giftige Sub­stanzen freige­set­zt, die beson­dere Sicher­heits­mass­nah­men erfordern. Diese Tönungsmeth­o­d­en wer­den hier nicht einge­hen­der behan­delt. Neben der Cyan­otyp­ie gibt es noch weit­ere fotografis­che Ver­fahren, die nicht auf der Reak­tion von Sil­ber­salzen basieren: Die Fer­rotyp­ie, Chryso­typ­ie, den Pal­la­di­um-, Plat­in­print etc.

 

Sicherheit

Der Umgang mit Chemikalien ist gefährlich!

Deshalb müssen auch die richti­gen Schutzvorkehren getrof­fen wer­den (Belüf­tung, Schutz von Haut, Augen und Atemwe­gen).

Bei Mis­chen mit Säuren oder starkem Erhitzen kön­nen hochgiftige (tödliche) Gase (Cyan­wasser­stoffe = Blausäure) entste­hen. Hier sind beson­dere Vor­sicht­mass­nah­men geboten! Mate­r­i­al Safe­ty Data Sheets (MSDS) der ver­schiede­nen Chemikalien kon­sul­tieren!

Seien Sie aus diesem Grund vor­sichtig und informieren Sie sich auch an anderen Orten über Giftigkeit der Stoffe und die Risiken im Zusam­men­hang mit deren Umgang. Es ist nicht auszuschliessen, dass sich auf diesen Seit­en Fehler eingeschlichen haben. Ausser­dem ver­füge ich über keine fundierte chemis­che Aus­bil­dung, weshalb es auch gut sein kann, dass ich einen Fehler gar nicht erst ent­deckt habe. Für allfäl­lige Kor­rek­turen bin ich Ihnen deshalb dankbar.

Eine Haf­tung für den Umgang mit den Chemikalien und bei der Durch­führung der beschriebe­nen Abläufe kann deshalb nicht über­nom­men wer­den!

 

Materialbedarf

  • grünes Eise­nam­mo­ni­umz­i­trat (C6H8O7.xFe.xNH3)
     
    CAS-Num­mer: 1185–57-5
     
    Syn­onyme:
    Ammoniumeisen(III)-Citrat; grünes Ammo­ni­um­ferric­i­trat; grünes Fer­ri­ammo­ni­um­c­i­trat; zitro­nen­saures Eisenoxy­dammon;
    engl.: fer­ric ammo­ni­um cit­rate, green; ammo­ni­um fer­ric cit­rate; ammo­ni­um iron (III) cit­rate; 1,2,3-propanetricarboxylic acid,2-hydroxy-,ammonium iron (3+) salt;
    franz.: cit­rate de fer ammo­ni­a­cal vert
    lat.: fer­rum cit­ricum ammo­nia­tum viri­de purumEise­nam­mo­ni­umz­i­trat werde sowohl als grün­lich­es als auch als rötlich-braunes Pul­ver (mit höherem Fe- und NH3-Anteil) ange­boten. Dem Hören­sagen nach eigne sich die grüne Ver­sion bess­er fürs Cyan­otyp­ieren.
  • Kali­um­fer­ri­cyanid (C6FeK3N6)
      
    CAS-Num­mer : 13746–66-2
      
    Syn­onyme:
    rotes Blut­lau­gen­salz; Rotkali, Eisen­blausaures Kali; Kaliumhexacyanoferrat-(III); Fer­ri­cyankali­um; Kaliumzyanoferrat(III); Trikali­umhexa­cyano­fer­rat;
    engl.: potas­si­um fer­ri­cyanide; potas­si­um hexacyanoferrate(III); potas­si­um iron (III) cyanide; red prus­si­ate; tripotas­si­um hexa­cyano­fer­rate;
    franz.: fer­ri­cya­nure de potas­si­um
    lat.: kali­um fer­ri­cyana­tum purum cryst.
  • des­til­liertes Wass­er (H2O)
  • Spritzen oder Pipet­ten
  • drei her­metisch schliessende Gefässe (z.B. braune Glas­flaschen aus alten Apothekerbestän­den)
  • geeignetes Träger­ma­te­r­i­al (Papi­er, Sei­de… Nicht pH-neu­trales Träger­ma­te­r­i­al — z.B. behan­delte Lein­wände oder Holz — vorher entsprechend behan­deln, damit die Lager­fähigkeit nicht beein­trächtigt wird)
  • Pin­sel, Wat­te, Glasstab (=Rührstab, erhältlich in San­itäts­geschäften; gebo­gen wer­den kann er beispiel­sweise über der Flamme eines Gash­erdes) o.ä. zum Auf­tra­gen der Flüs­sigkeit
  • schwere Glas­plat­te oder Kon­tak­trah­men
  • UV-Lichtquelle (die bil­lig­ste solche Lichtquelle ist die Sonne. Bei der Ver­wen­dung von UV-Lichtröhren auf den kor­rek­ten Augen­schutz acht­en)
  • Chemikalien­waage, möglichst mit 1/10 Gramm-Eichung
  • Hand­schuhe, Atem­maske, Schutzbrille, Plas­tikschürze und andere Schutzbe­helfe (je nach ver­wen­de­ten Chemikalien)
  • Unter­lage, um Fleck­en zu ver­mei­den (unbe­lichtet kann die Cyan­otyp­ielö­sung von glat­ten Ober­flächen meist ohne Rück­stände weggewis­cht wer­den).

 

Bezugsquellen

Bere­its fer­tig beschichtetes Cyan­otyp­ie-Papi­er (für erste Ver­suche) kann beispiel­sweise bei manufactum.ch oder astromedia.eu bestellt wer­den.

Inter­es­san­ter ist es jedoch, das Papi­er sel­ber zu beschicht­en. Es gibt mehrere Anbi­eter, die “Starter-Sets” fürs Cyan­otyp­ieren verkaufen, aber meist sind die Preise ziem­lich hoch. Deshalb wird an dieser Stelle darauf verzichtet, diese Anbi­eter zu nen­nen. Bil­liger ist es, die Chemikalien und das restliche Mate­r­i­al sep­a­rat zu kaufen. Einige Anbi­eter liefern lei­der — für “Gele­gen­heits-Cyan­otyp­is­ten” — ziem­lich grosse Min­dest­men­gen. Ver­gle­ichen Sie unbe­d­ingt die Preise/Bestellkonditionen der ver­schiede­nen Anbi­eter — es lohnt sich!

Pro­bieren Sie es bei einem dieser Anbi­eter:

 

Cyanotypien selber anfertigen

Negative

Es kön­nen beispiel­sweise Gegen­stände auf die zu belich­t­ende Fläche gelegt wer­den (das Bild, das dabei entste­ht ist ein so genan­ntes Pho­togramm; die Schat­ten, die die Gegen­stände wer­fen, bleiben hell, an den anderen Stellen wird das Bild dun­kler blau).

Ein Beispiel für Pho­togramm-Vor­la­gen sind Pflanzen, die zuvor in Jav­el-Wass­er geble­icht und danach gepresst wor­den sind. Es kön­nen aber auch alltägliche Gegen­stän­den ins Bild mitein­be­zo­gen wer­den, wie z.B. Schat­ten und Spiegelun­gen eines Wein­glases.

Es kön­nen aber auch Gross­for­mat-Neg­a­tive ver­wen­det wer­den. Wer ger­ade keine Gross­for­matkam­era zur Hand hat, kann sich ein Neg­a­tiv auch mit Scan­ner und Tin­ten­strahldruck­er sel­ber fer­ti­gen — das ist bil­liger und mit rel­a­tiv wenig Aufwand ver­bun­den:

  1. Es wird zuerst ein passendes Bild aus­ge­sucht.
  2. Dieses Bild wird im s/w-Modus in der gewün­scht­en Auflö­sung ges­can­nt.
  3. Dieses Bild wiederum wird im Umkehrmodus in ein Neg­a­tiv umge­wan­delt.
  4. Dieses Bild wiederum wird gespiegelt (für grössere Schärfe durch direk­tes Aufliegen des Neg­a­tivs auf der Träger­fläche).
  5. Durch eine entsprechende s-för­mige Gra­di­a­tion­skurve wird sich­er gestellt, dass die Ten­denz der Cyan­otyp­ie, harte Bilder zu liefern — je nach Abbil­dung und Wun­sch — nicht allzu stark aus­fällt. Ein Beispiel für eine Pho­to­shop-Gra­di­a­tion­skurve ist rechts abge­bildet.

Nach dem Aus­druck­en auf eine Folie haben Sie — je nach Druck­er — ein mehr oder weniger val­ables Gross­neg­a­tiv.

 

Zubereiten der Lösung

Nehmen Sie zwei her­metisch schliessende Gefässe. In eines geben Sie eine Lösung aus 25 g Eise­nam­mo­ni­umz­i­trat und 100 ml des­til­liertem Wass­er (diese Lösung ist nicht sehr lange halt­bar, sie kann aber durch Beimen­gung von 1 ml For­mol für rund sechs Monate halt­bar gemacht wer­den. Achtung: For­mol gehört zu den Krebs erre­gen­den Chemikalien). Im anderen Gefäss bere­it­en Sie eine Lösung aus 12 g Kali­um­fer­ri­cyanid und wiederum 100 ml des­til­liertem Wass­er zu. Wer­den die bei­den Lösun­gen gemis­cht, entste­ht die lichtempfind­liche Cyan­otyp­ie-Lösung (dunkel­braune Flasche ver­wen­den; nur noch bei gedämpftem Kun­stlicht arbeit­en; beschichtetes Mate­r­i­al und Lösung nicht mehr dem Son­nen­licht aus­set­zen). Diese Cyan­otyp­ie-Lösung rasch auf­brauchen.

 

Auftragen der Lösung

Die Lösung kann auf ver­schieden­ste Mate­ri­alien (Papi­er, Holz, Stoffe, Glas etc.) aufge­tra­gen wer­den. Dabei ist zu beacht­en, dass das Träger­ma­te­r­i­al möglichst einen neu­tralen pH-Wert aufweist, weil das Bild anson­sten nicht lange erhal­ten bleibt. Wird ein sehr rauh­es oder aber extrem glattes Mate­r­i­al ver­wen­det (z.B. Aquarell­pa­pi­er oder Glas), kann die Ober­fläche mit ein­er Gela­tine-Lösung “ver­siegelt” wer­den.

Beispiele (Sei­de; Papi­er):

Aufge­tra­gen wird die Lösung mit einem Pin­sel (möglichst keine Pin­sel mit Met­all­fas­sung ver­wen­den, da Met­all mit der Lösung reagiert), einem Glasstab (erlaubt ein sehr dünnes, gle­ich­mäs­siges Auf­tra­gen), mit Wat­te­tupfern oder ein­er anderen Meth­ode — je nach­dem, welch­er Effekt erzielt wer­den soll.

Die Lösung kann dabei sehr sparsam einge­set­zt wer­den. Die sparsam­ste Meth­ode ist das Auf­tra­gen mit dem Glasstab. Dazu wird mit ein­er Spritze ein wenig Cyan­otyp­ie-Lösung auf die gewün­schte Bild­bre­ite gegeben. Durch zügiges zwei-, dreima­liges Darüberziehen des Glasstabes wird die Flüs­sigkeit gle­ich­mäs­sig verteilt.

Beispiele (Wat­te; Glasstab; Pin­sel):

Durch ein entsprechen­des Abdeck­en mit Kle­be­band vor dem Belicht­en kön­nen ger­ade Bild­kan­ten erzielt wer­den.

 

Belichten und fixieren

Das Neg­a­tiv bzw. die Durch­sichtvor­lage wird auf dem zu belich­t­en­den Träger­ma­te­r­i­al fix­iert (bei Neg­a­tiv­en geht dies am besten mit­tels ein­er dick­en Glas­plat­te, die darauf gelegt wird). Ein Kon­tak­trah­men ist nicht unbe­d­ingt notwendig.

Zum Belicht­en wird das Bild einige Minuten dem Son­nen­licht aus­ge­set­zt (Dauer abhängig von der Stärke der Sonne, dicke der Glas­plat­te etc.) oder unter eine UV-Lichtquelle gelegt. Ein Aus­pro­bieren, welch­es die opti­male Belich­tungs­dauer ist, ist mehr oder weniger uner­lässlich. Ein Indiz bietet aber die Stärke der Ver­fär­bung der Lösung zur Farbe grün hin, das das während dem Belicht­en beobachtet wer­den kann. Hierin liegt auch die Stärke eines Kon­tak­trah­mens: Der Belich­tungsvor­gang kann auch beim zu belich­t­en­den Objekt dauernd überwacht wer­den.

Zum Fix­ieren wird das belichtete Papi­er für mehrere Minuten gewässert. Hier­bei sollte beachtet wer­den, dass nicht zu wenig gewässert wird (da sich anson­sten später das ganze Bild blau ver­fär­ben wird), aber auch nicht zu stark (da das Blau anson­sten aus­ge­waschen wirkt).

Die Zeit des Belicht­ens ist abhängig von der Inten­sität der UV-Strahlung. Sehr unter­schiedlich ist dabei die UV-Inten­sität der Sonne. Sie vari­iert je nach Tages- und Jahreszeit, geografis­ch­er Bre­ite, Bewölkungslage etc. Es emp­fiehlt sich deshalb, Belich­tungsrei­hen anzufer­ti­gen, um die gewün­schte Belich­tungszeit bess­er abschätzen zu kön­nen:

 

 

Archivieren

Cyan­otyp­i­en sind über einen lan­gen Zeitraum archivier­bar, ohne dass viel von der ursprünglichen Bild­in­for­ma­tion ver­loren geht. Schlecht für die Archiviereigen­schaften der Cyan­otyp­i­en sind nicht pH-neu­trale Ein­flüsse (Umge­bung oder Träger­ma­te­r­i­al). Auch bei schlechtem Wässern ver­färbt sich nach und nach das ganze Bild blau…

 

Literatur

 

Weitere Links

Kurse/Workshops