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Gerechtigkeitsbrunnen

Die Stadt Bern

Seit der französischen Besatzung (ab 1798) tragen die Strassen der Berner Altstadt verschiedenfarbige Strassenschilder. Die Legende besagt, dass diese Beschilderung den Besatzungssoldaten dazu gedient haben soll, sich nach den üblichen Trinkgelagen in den Gassen zurecht zu finden.

Die Farben widerspiegeln die verschiedenen Bauphasen der Berner Altstadt: schwarz: Nydegg, weiss: Gerechtigkeitsgasse, grün: Kramgasse, gelb: Marktgasse, rot: Spitalgasse.

Die Altstadt ist auf drei Seiten hin von der Aare eingefasst. Die Stadt vergrösserte sich demnach zuerst einmal nach Westen hin, in Richtung des heutigen Bahnhofs. Als 1405 die Holzhäuser mit ihren Schindeldächern der Stadt abgebrannt waren, wurde zum Aufbau erstmals Sandstein verwendet, dessen graugrüne Farbe seither das Stadtbild bestimmt. Auch die ca. 6 km Lauben (Arkaden) stammen aus dieser Zeit.

Seit 1983 ist die Berner Altstadt im Register “Weltkulturerbe” der UNESCO geführt. Es werden auch die Brunnen speziell erwähnt.

 

Die Wasserversorgung

Die Versorgung der Bevölkerung mit Trink- und Brauchwasser, das Ableiten von verdrecktem Wasser sowie die Nutzung der Wasserkraft waren bereits für die junge Stadt Bern überlebenswichtig. Auch Löschwasser musste immer verfügbar sein.

Entsprechend der strategischen Bedeutung, wurde auch viel Wert auf die Erschliessung neuer sowie die Verteidigung/den Unterhalt bestehender Wasserkanäle gesetzt.Das Trinkwasser wurde aus Quellbrunnen geschöpft – damals lag der tägliche Bedarf an Trinkwasser pro Person bei rund vier bis sechs Litern (!). Es wurde jedoch auch Brauchwasser (für Industrie, Haushalt, Tierhaltung) benötigt, das aus dem Stadtbach geschöpft werden konnte.

Die Industrie nutzte die Kraft der Aare, weshalb sie sich im Mattenquartier ansiedelte. In der Zeit von 1868 bis 1904 wurden in der Stadt Bern Hochdruckleitungen verlegt, jedes Haus erhielt seinen eigenen Wasseranschluss. Die Brunnen waren ab diesem Zeitpunkt nurmehr “nutzlose” Schmuckstücke.

 

Der Stadtbach

Der Stadtbach wurde im Jahr 1249 erstmals urkundlich erwähnt. Ein entsprechender Kanal von der Quelle im Wangental via Weyermannshaus/Güterbahnhof ist bereits für zwei vorhergehende Generationen bekannt. Wahrscheinlich ist, dass ein stadtbachähnlicher Graben bereits seit der Gründung der Stadt (oder kurz danach) existierte.

Die beiden Stadtgräben wurden mit hölzernen Aquädukten überwunden. Von dieser Hauptader aus verzweigte sich der Stadtbach in alle Längsgassen der wachsenden Siedlung. Der genaue mittelalterliche Verlauf ist aber nicht vollständig geklärt.

Die grosse Bedeutung des Stadtgrabens spiegelt sich in den “Wassererlassen” wieder . Die Wasserverwaltung wurde durch den Bachmeister (assistiert durch den Vennerweibel und andere Weibel) sichergestellt.

 

Die Ehgräben

Parallel zum Stadtbach bestanden so genannte Ehgräben (Abwasserkanäle), die zusammen mit dem Stadtbach in die Aare geleitet wurden.

 

Die Stadtbrunnen

Quellbrunnen

Für das Ende des 14. Jahrhunderts sind fünf (öffentliche und private) Quell-/Sodbrunnen belegt (Justinger-Chronik). Heute sprudelt nur noch aus dem Stettbrunnen Wasser. Der mittlerweile trockene Lenbrunnen kann aber ebenfalls besichtigt werden und ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

 

Hölzerne Stockbrunnen

Nach einem sehr heissen Sommer im Jahr 1393 wurde erkannt, dass die bisherige Wasserversorgung nicht ausreichte. Hierauf wurden hölzerne Stockbrunnen (Brunnenstöcke und -tröge aus Holz) errichtet, ca. 21 an der Zahl. Geschmückt waren die Brunnen mit bunt bemalten Fähnlein.

Das Wasser wurde mit Teucheln (hölzerne Röhren, der Länge nach durchbohrte Holzstämme), die zu Druckleitungen zusammengefügt wurden hergeleitet. Damit zwischen den Stämmen kein Wasser verloren gehen konnte, mussten die Verbindungen mit abgedichteten Holzkästen oder Muffen aus Eisen, Blei, Kupfer oder Leder, ausgeführt werden.

Die Quelle lag wahrscheinlich im Bächtelengut bei Wabern, am Fuss des Gurtens.

 

Steinerne Stockbrunnen

Um 1520 wurde damit begonnen, die hölzernen Brunnen durch steinerne zu ersetzen. In den 1540er-Jahren schuf Hans Gieng dann die Figurenbrunnen, die auch heute noch bestehen.

Durch die Errichtung eines mechanischen Pumpwerks gelang es 1585, die Küngsbrunnenquelle für die Stadt Bern zu nutzen.

Bis ungefähr 1740 standen alleine in der Hauptgasse steinerne Brunnen. Die Nebengassen erhielten erst welche, nachdem in dieser Zeit Wasser von Köniz her in die Stadt geleitet worden war. Ein grosser Antrieb zur Erstellung der prunkvollen Brunnen war wohl einerseits der “Präsentationsdrang” eines mittlerweile mächtigen Stadtstaats, aber wohl auch der bestehende Wettstreit mit der Zährigerstadt Freiburg, in der Hans Gieng ebenfalls tätig war.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die meisten historischen Brunnen versetzt, da sie dem immer stärker aufkommenden Verkehr im Weg standen. Als ab 1868 Druckleitungen eingeführt wurden, die das Trinkwasser in die Häuser beförderten, verloren die Brunnen ihre ursprüngliche Funktion. Es wurde nun sogar ein Abbruch der “Verkehrshindernisse” diskutiert.

 

Gerechtigkeitsbrunnen

Allgemeines

Der Gerechtigkeitsbrunnen befindet sich in der Gerechtigkeitsgasse, auf der Höhe der Hausnummer 39.

Die Gesamthöhe der Anlage beträgt 6.25 Meter – der Gerechtigkeitsbrunnen ist aufgrund der hohen Säule der höchste Figurenbrunnen aus dieser Zeit. Eine leicht unterlebensgrosse Justitiafigur steht auf einem gefurchten Bodenplatte über dem Kapitell.

Das Kapitell besteht aus einem starken Ringschaft, einem unten halboval eingetieften Akanthusfries, einem Volutenkranz mit vier männliche Masken mit Buckelstirn und Hängebärten in den Plattenecken.

Der Säulenschaft ist 16fach kanneliert. Der obere Teil ist verziert mit einem Blattgehänge in Form eines doppelten Festons. Bis etwas unterhalb der Mitte sind in den tiefen Kannelüren Rundstäbe abgesetzt.

Das quadratische Postament weist eine stark ausladende, profilierte Deckplatte auf. Das Wasser fliesst aus zwei Bronzeröhren (mit Bronzemasken beim Ansatz), die im so genannten Delphintypus des frühen 18. Jahrhunderts gearbeitet sind.

Der figürliche Teil des Brunnens ruht in einem achteckigen Becken. Daneben bestehen noch zwei Nebentröge.

Dem Berner Gerechtigkeitsbrunnen unmittelbar nachgebildet wurden Brunnen in Solothurn (1563), Lausanne (1585), Boudry, Cudrefin und Neuenburg. Mittelbare Nachbildungen finden sich in Aarau, Biel, Burgdorf, Brugg, Luzern und Zürich.

 

Justitiafigur

Justitia ist eine der vier Kardinaltugenden (Prudentia: Weisheit/Klugheit; Temperantia: Mässigung; Fortitudo: Tapferkeit; Justitia: Gerechtigkeit).

Mit verbundenen Augen, in der rechten Hand das erhobene Schwert, in der linken die Waage, blickt die bernische Justitia stadtaufwärts. Die Figur ist in einem “zeitlosen” Renaissance-Stil gehalten:

Die Füsse in Sandalen geschnürt, das Gewand anliegend (einzig in der Körpermitte bilden sich lebhafte Falten), das rechte Knie unbedeckt.Sie trägt einen Zierpanzer mit Arabeskenschmuck in Flachrelief. Die Achselstücke sind in Gestalt von Löwenköpfen ausgebildet. Die Augen sind verbunden mit einer Binde, die von rosettenförmigen Ohrenschilden gehalten wird. Das Schwert der Justitia ist unter anderem ein Symbol der ausschliesslichen Gerichtsbarkeit und somit auch ein Zeichen dafür, dass Selbsthilfe des Einzelnen verboten ist (Friedenspflicht).

Weiter symolisiert das Schwert die Durchsetzung der Rechtsordnung, der Sühnung begangenen Unrechts. Dass die Justitia das Schwert in der rechten Hand hält, erklärt sich wohl durch die christlich-symbolische Bedeutung derselben. In der linken Hand hält die Berner Justitia eine Balkenwaage. Sie ist Symbol für das richterliche Abwägen der Schuld und der zu verhängenden Strafe aber auch für die Wiederherstellung des durch ein Delikt gestörten gesellschaftlichen Gleichgewichts. Die beiden – leeren – Waagschalen, die nach der französischen Besetzung (wie auch das Schwert) wieder an den angestammten Platz gesetzt worden sind, sind nicht austariert.

Nicht immer wird aber mit einer “ungleichen” Waage Ungerechtigkeit dargestellt (über die Symbolik-Deutung bei der bernischen Justitia gibt es jedoch in neuerer Zeit abweichende Meinungen, die eher von einer zeitkritischen Darstellung – und nicht von einer idealtypischen – ausgehen).

Ein altes Problem bei der Darstellung einer Justitia ist die Frage, ob sie eine Augenbinde tragen soll oder nicht. Einerseits sollte die Justitia besonders gut sehen können und auch hinschauen, die Situation überblicken. Anderseits sollte sie sich nicht von Äusserlichkeiten beeinflussen lassen, alle Leute gleich behandeln. Der Justitia “untergeordnet”, zu ihren Füssen befinden sich die vier irdischen Mächte.

 

Die vier irdischen Mächte

Die Figuren haben alle ihre Augen geschlossen. Während der Justitia die Augen durch eine Binde verbunden sind, verschliessen die weltlichen Figuren von sich aus (aus Unterwürfigkeit?) die Augen. Der Papst trägt die Tiara und das Bischofskreuz, der Sultan einen turbanartig umwundenen Spitzhut und eine Sarazenenklinge, der Kaiser eine Krone und das Reichsschwert, der Schultheiss Barett und die goldene Amtskette.

 

Hans Gieng

Der Freiburger Bildhauer Hans Gieng wirkte vor allem in der Stadt Freiburg i.Ü. Auch in Solothurn und Bern erbaute er Brunnen. In der Zeit von 1540 bis 1546 wirkte er in Bern, ab 1544 in Bern und Freiburg gleichzeitig. Um 1543 fertigte er die Justitia des Gerechtigkeitsbrunnens in Jurakalkstein an. Verstorben ist Hans Gieng im Jahr 1562. Viel mehr ist von diesem Bildhauer leider nicht bekannt.

 

Veränderungen

Der Gerechtigkeitsbrunnen ist nicht mehr derselbe wie im 17. Jahrhundert. Es wurden an ihm im Laufe der Zeit folgende Veränderungen vorgenommen:

  • 1584 und 1589: Instandstellung und Neubemalung durch Humbert Mareschet
  • 1668/69: zweite Renovation (insbesondere des Steinwerks) durch Joseph Wernter
  • 1687/88: Erneuerung der Metallausrüstung
  • 1798: Entfernung des Richtschwerts und der Waage durch die französischen Besetzer als Symbol des Untergangs des Alten Berns. Die beiden Attribute werden erst viel später wieder ersetzt.
  • 1845: Versetzung des Brunnens wegen der neuen Zufahrt über die Nydeggbrücke. Für eine kurze Zeit wird der Brunnen im Stall des Erlacherhofes eingelagert, danach wieder am ursprünglichen Ort errichtet. Willhelm König übermalt den Brunnen weiss und gold. Aufgrund der heftigen Proteste aus der Bevölkerung wird die polychrome Bemalung aber rasch wieder hergestellt.
  • 1890/91: Neubemalung durch Christian Bühler.
  • 1925: Neubemalung durch Victor Surbek.
  • 1949: Erneuerung der Steigleitung und des Sockels.
  • 1961: Restaurierung durch Hans A. Fischer
  • 1986: Zerstörung der Justitiafigur (dazu gleich mehr). Eine Kopie wird auf den Sockel in der Gerechtigkeitsgasse gesetzt, das Original wird 1988 dem Historischen Museum übergeben.
  • 2004/2005: Gesamtsanierung der Kram- und Gerechtigkeitsgasse. Die Brunnenfiguren werden in dieser Zeit ausgebessert.
    Zustand der Brunnenfigur im Herbst/Winter 2004:
    Zustand des Brunnens im Herbst 2005:
  • 16.10.2006 bis 24.10.2006: Wiederherstellung der rechten Hand und des Schwerts, die am 28.06.2006 beschädigt wurden.
    Zustand der Brunnenfigur am 16.10.2006

 

Zerstörung der Figur

Auch die Justiz hatte sich bereits mit der bernischen Justitia zu befassen: Die Brunnenfigur, die heute in der Gerechtigkeitsgasse steht, ist nämlich nicht mehr die Originalfigur aus dem 17. Jahrhundert.

Das Original wurde im Oktober 1986 von seinem Sockel gerissen. Das Bundesgericht bezeichnete in BGE 117 IV 437 ff. diese – politisch motivierte (vgl. BGE 118 IV 371 ff.) – Sachbeschädigung als “skrupellosen Vandalenakt”. Es stufte den Brunnen ein als “Denkmal mit grossem symbolischem Wert, (…) ein einmaliges, historisch äusserst wertvolles Kunstwerk” ein. Übrigens: In Lausanne, dem Sitz des Bundesgerichts, befindet sich ebenfalls ein Justitiabrunnen, dessen Figur auf dem Berner Vorbild beruht.

Das wieder hergestellte Original der Berner Justitia steht seither im Historischen Museum in Bern. Bis zur Zerstörung der Justitia war der Gerechtigkeitsbrunnen der einzige Figurenbrunnen der Stadt Bern, dessen Standort und Gestalt zur Errichtungszeit im wesentlichen noch entsprach.

Fortsetzung: Die Kopie an der Gerechtigkeitsgasse – frisch restauriert – wurde am 28.06.2006 erneut beschädigt: Die Hand der Justitia samt Schwert wurden abgehackt. Eine erneute Wiederherstellung fand in der Zeit vom 16.10.2006 bis am 24.10.2006 statt.

 

Spätere Bilder

Mit Regenbogenfahne geschmückte Justitia anlässlich der Pride Ouest 2017.

 

Literatur

Anbei ein paar Werke zum bernischen Gerechtigkeitsbrunnen sowie zur Justitia im Allgemeinen. Bitte teilen Sie mir weitere Literaturempfehlungen mit!

  • BEER, ELLEN J. u.a. (Hrsg.), Berns grosse Zeit, Das 15. Jahrhundert neu entdeckt, Bern 1999
  • BERNISCHER LEHRERINNEN- UND LEHRERVEREIN BLV/SEB (Hrsg.), Vom Lehnbrunnen und anderen “nützlichen Wassern” in Bern, Schulpraxis, Jg. 88, Nr. 4/98, Bern 1998
  • BERNISCHES HISTORISCHES MUSEUM BHM (Hrsg.), Brunnenfiguren der Stadt Bern, o.O o.J. (Faltblatt)
  • FURRER, BERNHARD, The Town of Berne, 1. A., Bern 1996
  • HOFER, PAUL, Die Kunstdenkmäler des Kantons Bern : Bd. I : Die Stadt Bern, Basel 1952, S. 225 ff., 314 ff.
  • IMBODEN, GABRIEL/STUDER, WALTER, Berner Brunnen, Bern o.J.
  • KISSEL, OTTO RUDOLF, Die Justitia : Reflexionen über ein Symbol und seine Darstellung der bildenden Kunst, 2 .A., München 1997
  • KNOLL, GABRIELE M., Bern : Vom Berner Jura durch das Mittelland zum Oberland : Stadt und Kanton Bern, Köln 1996
  • SCHENK, PAUL, Berner Brunnen-Chronik : Chronique des Fontaines de Berne : A Chronicle of Bernese Fountains, Bern 1981
  • SCHILD, WOLFGANG, Bilder von Recht und Gerechtigkeit, Köln 1995